04 Geschichte 3D und diachrone Kommunikationswissenschaft

Fliesstext   Balancemodelle

Ökosysteme zeichnen sich durch ein flexibles Gleichgewicht aus. Zwar kann zu einem beliebigen Zeitpunkt ein Element stärker wachsen, aber seine Gegenspieler werden nach der Überwindung einer kritischen Grenze das Ruder wieder herumreißen. Sie mögen dann ihrerseits, wie das Jäger-Beute-Modell annimmt, die Gegner für eine gewisse Zeit dominieren, bis auch sie wieder zurückgedrängt werden. Nur wenn die unabweisbaren Schwankungen innerhalb bestimmter Toleranzgrenzen bleiben, kann man von einem (Öko-)System sprechen.

Ebenso gehen die soziologischen Norm-Konzepte vom Gedanken einer Balance zwischen Extremen aus. Soziales Verhalten weicht praktisch immer, in freilich unterschiedlichem Maße, von den Normvorstellungen ab – die gleichwohl als allgemeine Ordnungsgröße von der sozialen Gruppe geteilt werden. 'Kontrafaktische Stabilisierung' nennt N. Luhmann dieses Prinzip. So gesehen erscheint soziales Handeln als Balancieren auf dem Normseil mit Neigungen mal nach der einen, mal nach der anderen Seite.
Bildet man dieses Modell auf ein einfaches Koordinatensystem ab, so erscheint der 0-Wert auf der y-Achse als (kontrafaktische) Norm; die Abweichungen werden im Plus- bzw. Minus-Bereich der y-Achse abgetragen. Die x-Achse bildet die Zeit ab.  Schema: Soziale Prozesse als Balance/Abweichung von der Norm-Achse
Der Balancegedanke liegt auch den kybernetischen Steuerungs- und Regelungsmodellen zugrunde. Nur weil die Werte um einen Sollwert schwanken, besteht Regelungsbedarf – und nur solange dieser existiert, gibt es auch den kybernetischen Kreislauf. Die Kybernetik begreift die Kurve als Abbild von Steuerungs- und Regelungsvorgängen. Die Nullwerte der y-Achse entsprechen dabei dem Sollwert. Die y-Achse gibt positive und negative Abweichungen der Prozesse von diesem Sollwert an. Bei den Kurvenmaxima setzt jeweils der Regler ein und beginnt gegenzusteuern.

Für den Kultur- und Medientheoretiker ist es wichtig, die Seiten/Pole oder Extreme genau zu bestimmen, zwischen denen balanciert wird. Die Kunst besteht darin, aus den unüberschaubar vielen Parametern solche herauszusuchen, die empirisch aussagekräftig und für die theoretische Fragestellung fruchtbar sind. Kulturentwicklung erscheint aus dieser (ökologischen) Sicht als Balancieren zwischen extremen Polen, also z. B. zwischen Sozialisierung und Individualisierung. Das Modell des Balancierens geht jedoch nicht ausschließlich von bipolaren Relationen aus. Im Prinzip ist es möglich, beliebig viele Parameter mit Balanceakten zu verknüpfen. Es ist allerdings für unsere Vorstellung leichter, wenn wir bloß zwei Parameter und damit eben bipolare Relationen annehmen (Dies ist z. B. auch in der Abbildung 'Parameter der Kulturgeschichte' geschehen.)  Schema: Parameter der Kulturgeschichte
Kultur lässt sich jedoch ebensowenig wie Gruppengespräche in dyadische Relation auflösen. Sie ist ein 'analoges' Netzwerk.

Schema: Dimensionen ökologischer Prozesse

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