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05 Kulturgeschichte als ökologische Kommunikations- und Mediengeschichte

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Dokumentation Tafel 10:  Durchsetzung des anthropologischen Kommunikationskonzeptes

In verschiedenen Schüben, begünstigt zunächst durch die wachsende Bedeutung von Viehzucht und Tieren, dann durch Technisierung, monotheistische Religionen usf. hat sich die Akzeptanz von Pflanzen als Kommunikationspartner und -medium in Europa drastisch verringert. Kulturhistoriker beschreiben diese Zurückdrängung als Zivilisation, Entmystifizierung, Säkularisierung, Aufklärung u. ä.
Den letzten, nachhaltigsten Anstoß zur Ausgrenzung von Pflanzen erleben wir seit der frühen Neuzeit. Während die Christen bis zur Glaubensspaltung Pflanzen als ein Medium göttlicher Verkündigung allgemein akzeptierten, hat der Protestantismus mit seiner strikten Reduktion der göttlichen Informationsmedien auf die Heilige Schrift (Sola scriptura) auch auf diesem Feld ein monomediales, ausschließlich auf den Menschen bezogenes Kommunikationskonzept durchgesetzt.

"Nolo omnium doctior iactari,
sed solam scripturam regnare."

aus M. Luthers Entgegnung auf die Bulle von Leo X., 1520
<WA 7, S. 98>

 

 

"Der heylig geyst ist der aller eynfeltigst schreyber."
<WA 7, S. 650>

 

 

Gemäldeausschnitt aus: Lucas Cranach d. Ä.:
Epitaph für Herzog Johann Friedrich von Sachsen und seine Familie, Mittelteil, um 1555, Weimar, Stadtkirche

 

Der Ausschluss der Natur aus dem kulturellen Ökosystem erfolgte in einem längeren Zeitraum - und wohl niemals in allen Subsystemen vollständig. Bis in das 18. Jahrhundert war es selbst in Mitteleuropa noch üblich, 'Wunderzeichen Gottes' in Massenmedien zu kommentieren.

Weintrauben mit einem 'Bart' als Wundergewächs

Flugblatt
Augsburg 1610

 

"Was nun Gott durch solches
Wundergewaechs andeuten woelle /
als ein Gnade / oder aber ein Zorn
 vnd Droeungszaichen seye
(welches zwar bey so vbermachten
Mißbrauch deß Edlen Geschoepff
des Weins / vnnd aller anderer
Gaaben Gottes am allglaublichsten
vnnd darumb desto betauerlicher ist)
das ist jhme dem Allmechtigen
allein bekannt vnd wirdts
die Zeit zuerkennen geben."

 

Christoph Mang

1656 identifizierte Petrus Borellus (1620 - 1689) den 'Bart', den auch schon andere Flugblätter (1542, 1560, 1580, 1602) beschrieben hatten, als die Schmarotzerpflanze Cuscuta.
(Vgl. K. Böhner: Die bärtige Traube oder Uva barbata. In: Mitteilungen der Bayerischen Botanischen Gesellschaft zur Erforschung der heimischen Flora 4, Nr. 8, 1928, S. 120 - 126).

 

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