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05 Kulturgeschichte als ökologische Kommunikations- und Mediengeschichte

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Dokumentation   Tafel 5:  Beziehung 'Mensch - Natur'

Alle frühen menschlichen Kulturen haben die Beziehungen der Menschen zur belebten und unbelebten Natur in Erzählungen beschrieben. Die Natur erscheint dabei als Kommunikationspartner der Menschen; teilweise wird sie als Produkt menschlichen Handelns interpretiert, teilweise werden die Menschen auf die Interaktion von Pflanzen und/oder Tieren zurückgeführt.

Die zwei Liebenden
(Eine Legende des Koraput-Stammes)

or langer, langer Zeit hatten die Stämme der Pengu, der Muria und der Bhattra einen Häuptling namens Chaitru Bhattra. Chaitru verheiratete seine Tochter gegen ihren Willen. Bald nach der Hochzeit verliebte sie sich in einen dunkelhäutigen, hübschen Muriajüngling und traf ihn heimlich. Dorfbewohner entdeckten das Paar und verrieten dem Gatten das heimliche Stelldichein seiner Frau. Der Gatte wollte sich selbst überzeugen und stellte seiner Frau eine Falle.
    Eines Tages sagte er zu Chaitru Bhattras Tochter: "Frau, ich besuche meine Schwester im Nachbardorf. In ein paar Tagen werde ich zurückkehren." Ein aufleuchtendes Lächeln im Gesicht seiner Frau schien er zu übersehen. Er packte seine Reisekleidung, nahm seinen Stock und ging davon.
    Aber er wanderte nur bis zum Wald. Dort versteckte er sich tagsüber und kehrte nachts nach Hause zurück. Als er sein Haus betrat, entdeckte er dort den jungen Muria. Wutentbrannt schlug er das Paar mit seinem Stock, bis beide tot waren. Dann trug er ihre Leichen in den Wald und verscharrte sie. Die Blutspuren der Erschlagenen vereinten sich in einem breit dahinfließenden Strom, der in der Erde versickerte. Er befruchtete den Boden an dieser Stelle, und ein Baum wuchs allmählich heran. Er blühte in zwei Farben: Rote Blüten erinnerten an die junge Frau und schwarze an den Muriajüngling.
Dies war der erste Parsa oder Palasabaum.

aus: Gandhi, Maneka: Brahmas Haar: die Mythologie der indischen Pflanzenwelt, Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel; Wien: Südwind 1995

Die verschiedenen Kulturen in der Geschichte und deren Teilsystem im synchronen Querschnitt unterscheiden sich (u. a.) dadurch, wen oder was sie als Kommunikatoren und als Kommunikationsmedien anerkennen.
Eine Möglichkeit, Kommunikationsgeschichte zu schreiben, besteht deshalb darin, durch die Zeiten zu verfolgen, was die einzelnen sozialen Gemeinschaften jeweils als Kommunikatoren, als Kommunikation und als Medium kultureller Verständigung anerkannt haben und welche Kriterien sie für den Erfolg dieser Verständigung entwickelt haben.

Bhimas Kraftprobe
(Eine Stammeslegende der Muria)

ahaprabhu schuf Menschen, Tiere und Bäume. Die Menschen wurden immer zahlreicher und stärker, und sie begannen, Dörfer zu bauen. Um die Ordnung aufrechtzuerhalten, machte Mahaprabhu Chalika zum König der Menschen, und Chalika bildete eine Regierung zu seiner Hilfe. Mahaprabhu setzte schließlich noch einen Häuptling und Wächter für jedes Dorf ein.
    Dann vermehrten sich die Tiere. Mahaprabhu schuf einen König und Wächter auch für sie.
    Eines Tages versammelten sich die Bäume auf dem Hemagiri-Berg und beklagten sich: "Ihr habt eine Regierung für alle geschaffen, nur nicht für uns. Wir haben niemanden, der uns verteidigt oder schützt."
    Bhima kam gerade vorbei. "Warum stehen hier alle Bäume zusammen?" fragte er sich. Er eilte auf den Gipfel des Hemagiri und fragte die Bäume, warum sie sich versammelt hätten. Sie erklärten ihm ihr Anliegen.
    "Ich will sehen, wer der Stärkste ist", entschied Bhima. Er stieß jeden Baum an, und alle fielen um außer der Tamarinde, dem Pipal und dem Banyan. Bhima erzählte Mahaprabhu von der Probe, die er abgehalten hatte.
    Mahaprabhu kam vom Himmel herab zum Berg Hemagiri. Er machte die Tamarinde zum König und den Banyan zum Minister, weil der Baum seine Zweige so weit ausbreiten konnte. Und den Pipal machte er zum Wächter: "Immer, wenn der Wind bläst oder ein Sturm aufkommt, wirst du die anderen Bäume warnen."
    Und dies ist der Grund, warum die Blätter des Pipal im Wind rascheln.

aus: Gandhi, Maneka: Brahmas Haar: die Mythologie der indischen Pflanzenwelt, Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel; Wien: Südwind 1995

 

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