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07 Buchkultur - Exemplarische Anamnese und Diagnose

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Dokumentation

Tafel 1:  Vom Schreiben zum Drucken:
Die Spiegelung informativer Medienstrukturen als Prinzip der Gutenberg-Technologie

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Die Manufaktur der Handschriften - ein Beispiel mittelalterlicher Arbeitsteilung und Technik

Medaillon 4 - Anspitzen der Gänsefeder Medaillon 10 - Präsentieren des fertigen Buches Medaillon 2 - Zuschneiden und Linieren des Pergaments Medaillon 3 - Vorschreiben des Textes mit einem Griffel auf Wachs Medaillon 6 - Zusammenbinden der Lagen mit der Buchbinderlade zum Buchblock Medaillon 1 - Herstellung des Pergaments aus Tierhäuten Medaillon 5 - Falzen der beschriebenen Blätter zu Lagen Medaillon 7 - Zurechthauen des hölzernen Buchdeckels mit dem Beil Medaillon 9 - Unterweisung eines Lehrlings Medaillon 8 - Anfertigen der Metallbeschläge Führen Sie die Maus über die einzelnen Medaillons für die 10 Arbeitsgänge der Buchherstellung!

O.JPG (3791 Byte) bwohl die in den Jahrtausenden immer weiter vervollkommnete Schreibkunst

'Ars artificialiter scribendi'

ihre Leistungen vor allem dem ästhetischen Augenmaß und den manuellen Fertigkeiten der Schreiber verdankt, ist sie keineswegs eine simple Technologie:

Zunächst muss, wie die links wiedergegebene Illumination zeigt, der Beschreibstoff, im Mittelalter das Pergament, aus den Tierhäuten gewonnen werden (Medaillon 1); das Pergament wird auf das gewünschte Format zugeschnitten und liniert (Medaillon 2); der Text kann auf einer Wachstafel mit einem Griffel vorgeschrieben werden (Medaillon 3); danach spitzt der Schreiber seine Gänsefeder mit dem Federmesser an (Medaillon 4) und beginnt die Abschrift. Die beschriebenen Blätter werden zu Lagen gefalzt (Medaillon 5) und mithilfe einer Buchbinderlade zu einem Buchblock zusammengebunden (Medaillon 6). Schließlich können mit einem Beil hölzerne Buchdeckel zurechtgehauen (Medaillon 7) und Metallbeschläge angefertigt (Medaillon 8) werden, um dem Buch eine haltbare und ansprechende Form zu geben.

 

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Der Beginn der Massenproduktion im Typographeum

Gutenberg standardisierte und mechanisierte einzelne Phasen dieses komplexen Vorgangs und schuf so das 'Typographeum'.

 

  D.JPG (3642 Byte) ie
  Feder ist hier Zeug /
  die Dinte Ruß und Oel /
  die Presse Schreiberin /
  der Drucker jhre Seel' /
  als der sie rege macht."

           (M. P. Fleming
           von Hartenstein)

   D.JPG (3642 Byte) er
   Kupferstich des Boetius (um 1700)
   zeigt einige Phasen des Arbeitsablaufs
   bei der neuen Form der Textverarbeitung:
   Eingabe und Prüfung des Manuskripts;
   die Arbeit der Setzer an ihren Setzkästen;
   die Drucker, die die Druckformen
   gemeinsam mit dem befeuchteten Papier
   auf einem Wagen unter die Presse fahren
   und dann 'den Bengel rucken', pressen.
   Die ausgedruckten Bögen werden zu-
   nächst zu Lagen und diese anschließend
   zum fertigen Buch zusammengelegt und
   gebunden.
   Zwischendurch schiebt man mehrere
   Korrekturphasen ein, in denen Druck
   und Manuskript verglichen werden.

 

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Flussdiagramm - Gutenbergs Buchdruck und das Prinzip der mehrfachen Spiegelung

D.JPG (3642 Byte)ie Technisierung des Schreibens setzt nicht bei der Handbewegung an, sondern sie folgt einem anderen, 'umständlichen' Plan. Zunächst werden die auf einem Schriftmusterblatt vorgezeichneten Buchstaben auf einen metallenen Stempel übertragen. Nach der Gravur kann man mit diesem Stempel, der sog. Patrize, durch Einschlagen in weicheres Metall einen Abdruck, die Matrize, schaffen. Diese lässt sich als Gussform in Gutenbergs wohl wichtigste Erfindung, das sog. 'Handgießinstrument', einspannen. Man gießt flüssiges Blei in das Instrument und erhält nach dem Erkalten die Lettern. Seite für Seite wird der schriftliche Text mit diesen 'Bleibuchstaben' gesetzt, in Formen eingeschlossen und dann gemeinsam mit den Papierbögen unter die Presse geschoben. Die ausgedruckten Bögen, die die Presse verlassen, gehen zusammengelegt und gebunden zum Leser.

Überblickt man den hier skizzierten Weg vom Schriftentwurf bis zu den ausgedruckten Texten, so fällt die Anwendung des Prinzips der mehrfachen Spiegelung (+/-) informativer Muster ins Auge (vgl. Abb. rechts).
Aus einem Schriftmuster lassen sich viele identische, aber in Relation zum Original seitenverkehrte Patrizen erzeugen. Durch Einschlagen der Patrizen gewinnt man beliebig viele identische, seitenrichtige Matrizen. Eine Matrize ermöglicht den Guss beliebig vieler identischer, aber spiegelverkehrter Lettern. Diese schließlich erlauben den Druck von Texten mit Schriftkonturen, die im Idealfall mit jenen des Schriftmusterblattes identisch sind.

Gutenbergs Genie liegt in diesem Punkt in seiner Sturheit, mit der er viermal einen im Prinzip gleichen Vorgang wiederholt. Seine Technik erlaubt die Produktion identischer Werkstücke mit einer Präzision, die zwar für das Industriezeitalter, aber eben nicht für die vorherigen Produktionsformen typisch ist. Mit dem Buchdruck beginnt der Siegeszug der standardisierten Massenproduktion.

 

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