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07 Buchkultur - Exemplarische Anamnese und Diagnose

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Dokumentation

Tafel 3:  Von der Verteilung der Manuskripte zum Verkauf der Bücher:
Die Veränderung der Vernetzung der Kommunikatoren

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Die Kommerzialisierung der Kommunikation

Wenn man die ausgedruckten Bücher genauso verteilt hätte wie dies mit den Handschriften im Mittelalter geschehen ist, dann wäre die Gutenberg-Erfindung kaum zu jenem umwälzenden kulturellen Ereignis geworden. Das Zeitalter des Buchdrucks ist aber nicht nur durch die Vervielfältigungstechnologie, sondern auch dadurch charakterisiert, dass die Informationen nunmehr über den freien Markt vertrieben und damit zu einer Ware wie alle anderen auch werden.

 

A.JPG (3779 Byte) uf den Titelblättern
machen die Bücher
für sich selbst Werbung.
Um an das ausgedruckte Wissen
heranzukommen, braucht man 'nur'
als Käufer aufzutreten
und entweder selbst lesen zu können
oder jemanden zur Hand zu haben,
der einem das Buch vorlesen kann.
Die Drucker verrichten
in Deutschland ihre Arbeit
als selbständige Gewerbetreibende
und nicht als Lehensleute
oder Kirchenbedienstete.

Die 'Buchdruckerey' gilt als

'freye Kunst'.

 

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Zu den handschriftlichen Informationen des Mittelalters gab es demgegenüber keinen freien Zugang. Sie zirkulierten in Institutionen: am Hof, in städtischen oder kirchlichen Verwaltungen, Universitäten, Orden usf. Einweihung in diese Wissensform setzte (und setzt in den Organisationen auch heute noch) institutionelle 'Weihen' voraus.

 

D.JPG (3642 Byte) ie institutionelle Verteilung der handschriftlichen Lyrik, Memoranden, Bullen, Traktate und Lehrwerke lässt sich als hierarchisches Netz ('Baum') darstellen.
An der Spitze dieser Pyramide kann man sich die Fürsten und Bürgermeister (Verwaltung), den Papst (Kirche) oder die Zunftmeister (Handwerkerkooperationen) und an der Basis die Büttel bzw. Priester bzw. die Gesellen oder Lehrlinge vorstellen. Sowohl von oben nach unten als auch von unten nach oben quälten sich die Informationen durch den Instanzenweg. War irgendeine Zwischenstufe nicht bereit, die Handschriften weiterzugeben, so blieben sie, was ja auch heute noch auf den institutionellen Dienstwegen vorkommen soll, 'auf der Strecke'.
Ein direkter Kontakt zwischen der Spitze und der Basis mithilfe schriftlicher Medien ist praktisch ausgeschlossen. Große Verbreitung, 'Öffentlichkeit', erreichen nur solche Texte, die von der Spitze nach allen Seiten verteilt werden.

 

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Wenn also ein Schreiber eine weite Verbreitung seines Textes anstrebte, so musste er sie möglichst hochgestellten Persönlichkeiten 'widmen'.

 

I.JPG (3870 Byte) n
diesem Sinne
wandte sich der
Weißenburger Mönch
Otfried (u. a.) nicht nur
an König Ludwig
('den Deutschen'),
sondern auch
an seinen unmittelbaren 'Vorgesetzten',
den Mainzer Bischof
Luitpert (863-889)
mit der Bitte um
Verbreitung bzw. um Approbation seines Evangelienbuches.

Es heißt dort:


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em durch Gottes Gnade zu höchster Würde gelangten Luitpert, Erzbischof zu Mainz, wünscht Otfried, nicht auf Grund eigener Würdigkeit, sondern kraft der Gelübde Mönch und geringer Priester, die Freude ewigen Lebens in Christo immerdar.
Eurer hervorragenden Gelehrsamkeit das vorliegende Buch zur Begutachtung übersendend, will ich Euch sogleich zu Beginn darlegen, warum ich gewagt habe, es zu schreiben.

 

 

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D.JPG (3642 Byte) ieses Werk also wollte ich Eurer durchdringenden Klugheit zur Prüfung übersenden; auch deswegen wollte ich Eurer bischöflichen Würde und Weisheit, die einander entsprechend, dieses Buch anvertrauen, weil meine Wenigkeit ein kleiner Schüler Eures würdigen Amtsvorgängers, des Erzbischofs Hrabanus selig, gewesen ist.

Wenn es vor den Augen Eurer Heiligkeit bestehen kann und Eure Heiligkeit es nicht ablehnend beurteilt, dann mögt Ihr kraft Eures Amtes gestatten, dass die Gläubigen es frei benützen dürfen. Wenn es aber nicht geeignet, das heißt meiner eigenen Unzulänglichkeit entsprechend erscheint, dann möge die gleiche verehrungswürdige und heilige Autorität es verurteilen.

Meine geringe Person vertraut in Demut ganz der Entscheidung Eures Urteils, wie immer es auch ausfällt.

 

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Mit der Nutzung des kommerziellen Marktes als Verbreitungsmedium für die Druckerzeugnisse entstehen am Ende des 15. Jahrhunderts in den europäischen Kernlanden völlig neue Kommunikationsbahnen und Veröffentlichungsmöglichkeiten.

 

D.JPG (3642 Byte)er Markt kann als ein riesiger Zentralspeicher angesehen werden. Er verteilt seine Informationen in alle Richtungen.

Prinzipiell jeder kann sich als Käufer oder – nach vorheriger Nutzung der Druckereien – als Verkäufer von Informationen an dieses Netz anschließen.

Von den Autoren lässt sich der Kommunikationsfluss nur noch in groben Zügen kontrollieren. Als Adressat tritt zunehmend das anonyme Publikum, der 'gemein man', auf.

Bei Nutzung des neuen Mediums können einfache Mönche über Flugschriften mit dem Papst in Kontakt treten, ohne dass sie die langwierigen Wege der kirchlichen Hierarchie beschreiten müssen.

Diese Abkürzung der Kommunikationsbahnen wird als 'Beschleunigung' der sozialen Interaktion erlebt.

 

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