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07 Buchkultur - Exemplarische Anamnese und Diagnose

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Dokumentation

Tafel 4:  Von der göttlichen Eingebung zum selbstgeschöpften Wissen:
Die Entstehung der neuzeitlichen Autoren

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Hand in Hand mit der Einführung der Drucktechnik und dem Umstieg auf neue Kommunikationsbahnen geht eine Veränderung der Informationsgewinnung und des Selbstbewusstseins der Schreiber. Seine erkenntnistheoretische Grundhaltung hat das Mittelalter in unzähligen Bildern über die Verkündigung Marias festgehalten.

 

       D.JPG (3642 Byte) ie Gläubigen
          gingen davon aus,
          dass ihnen,
          genauso wie Maria,
          ihr Wissen durch
          göttliche Medien wie
          Engel,
          Tauben ('Heiliger Geist'),
          Träume oder
          Zeichen
          'offenbart' wurde.

 

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Den Evangelisten, Aposteln und Kirchenvätern raunte die Taube in das 'innere Ohr', was sie niederschrieben ...

 

Der Heilige Gregor mit den Schreibern - Elfenbeintafel aus dem Reichenauer Evangeliar     A.JPG (3779 Byte) uch der Text, den Petrus, den
        Worten seines Lehrers Gregor folgend,
        auf eine Wachstafel einritzt, geht so
        letztlich auf den einen großen Sender,
        nämlich Gott, zurück.

Der Heilige Gregor und sein Schüler Petrus - Einzelblatt aus einer liturgischen Pergamenthandschrift

 

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Der neuzeitliche Autor folgt einer anderen Erkenntnistheorie. Das Hören auf 'innere Stimmen' verliert an Bedeutung. 'Wahres Wissen' produziert die Neuzeit mit den 'äußeren Augen' nach einem hochgradig normierten - und später in Form der Photographie - technisierten Verfahren.

 

Albrecht Dürer

Vnderweysung der messung/
mit dem zirckel vn(d) richtscheyt.
Nürnberg: (H. Formschneyder) 1525.
HAB: 156.2 Quodl. 2°.

Aufgeschlagen: fol. Q. 2 v / 3 r

Dürer fasst auf den Schlussseiten seines Werkes die Grundprinzipien der perspektivischen Erkenntnisgewinnung - und damit der neuzeitlichen wissenschaftlichen Methode im allgemeinen - zusammen.

Auf dem linken Bild visiert der Betrachter über ein Richtscheid die zu portraitierende Person. Nur die auf diese Weise wahrnehmbaren Konturen werden auf einer Projektionsfläche (Rahmen, Glasscheibe) festgehalten und können von dort dann auf das Papier übertragen werden.
Man ging und geht auch vielfach immer noch davon aus, dass die zeichnerische Projektion bei diesem Verfahren in etwa den psychischen Netzhautabbildungen entspricht. So gesehen ist die Perspektivlehre eine Möglichkeit, psychische Vorstellungen nach außen zu tragen, sie sichtbar und damit intersubjektiv überprüfbar zu machen. Grundlegende Idealisierungen dieses Verfahrens sind 'Einäugigkeit', Unbeweglichkeit des Auges, konstante Abstände zwischen Beobachter, Projektionsfläche und Gegenstand, geradliniges Sehen (in 'Sehstrahlen') sowie der Stillstand der Zeit während der 'Abkonterfeiung'.
Bei dem Versuchsaufbau auf dem rechten Holzschnitt ist der Betrachter völlig 'technisiert'.
Die 'Sehstrahlen' werden durch einen Faden simuliert, der von einer Öse an der Wand (dem 'Auge') zu dem anvisierten Objekt, der Laute, führt.
Der Schnittpunkt dieses Sehstrahls mit der Projektionsfläche, dem Rahmen, wird von einem Gehilfen festgehalten und dann auf die klappbare Zeichenfläche übertragen.
Durch mehrmaliges 'Visieren' der verschiedenen markanten Punkte des Objekts entsteht nach und nach ein konstruiertes Abbild.

 

In der einen oder anderen Form bilden die von Dürer beschriebenen Verfahren die Grundlage der wissenschaftlichen Zeichnungen in der Fachliteratur seit der frühen Neuzeit.

 

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