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07 Buchkultur - Exemplarische Anamnese und Diagnose

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Dokumentation

Tafel 5:  Die juristische Absicherung der Beziehungen zwischen den Autoren und ihren Werken

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Der Wandel der Beziehungen zwischen dem Schreiber und seinem Manuskript

Buch der Heiligen Dreifaltigkeit
Cod. Guelf. 188 Blankenburg fol. 3 r

Am 18. Juni 1419 erhält der Burggraf Friedrich von Brandenburg eine bebilderte Handschrift mit dem Titel:
Buch der Heyligen Dreyvaldekeit.

Die Handschrift beginnt mit einer Passage, in der der Autor darlegt, wie er zu seinem Wissen gekommen ist.
Darunter Handzeichnungen:
eine Kugel (Luna), ein chemischer Ofen (Orient) und ein über einem Haken abgelegtes Tuch.

Der Text lautet in der Umschrift:

A.JPG (3779 Byte) lso zu emphaen [empfangen] von gote diss buch ich // han [habe] mich sere gnug gewert/  aber got hat // mich von der junckfrauen art darczu ge//halten mit seinem heiligen czwange[/] das // ich muste das buch got(t)tes von ym selber // zu lehen empfaen/ das der wol west [weiß, erfährt] wo // er von gote zu were userkoren[/] der muste // ym des von gotes rechte moht [Macht] weren/ Was // ich thun musz[/] das musz nymant fur mich // thun/ Also ist auch bey allen anderen persone(n)/ // Darumb ist es ein synne/ was ich bin[/] das ist // anderes nymant/ Also ist es bey allen and(ern) // personen/ Nymant kan meinen willen thun // dann ich selber.

 

Zunächst ganz im Einklang mit der mittelalterlichen Tradition stellt sich der Schreiber als Werkzeug Gottes dar: Die Information, die er in seiner Schrift weitergibt, hat er nicht selbst gewonnen, sondern er schreibt sie göttlicher Eingebung zu. Das erwachende 'Autoren'-Bewusstsein der Neuzeit deutet sich dann in der Schlusspassage an: 'Wille' und 'Sinn' machen ihn, wie er selbstbewusst trotzig verkündet, zu einem unverwechselbaren Schöpfer von geistigen Werken. Erst in den Vorreden der gedruckten Fachprosa des 16. Jahrhunderts lösen sich diese Zwiespältigkeiten zugunsten eines klaren Bekenntnisses zum Ursprung der Informationen in der 'eigenen' Wahrnehmung auf.

 

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Die Privilegierung der Manuskripte

Während sich in den mündlichen und vortypographischen Kulturen die Sänger/Schreiber als Glieder einer langen Überlieferungskette verstanden oder im Auftrag von Verwaltungen tätig waren, sehen die neuzeitlichen Autoren sich selbst als Schöpfer von Wissen und ihre Werke als ihr eigenes Produkt. Die Informationen, die ihre Manuskripte enthalten, werden als Eigentum, als 'werk', betrachtet, für das sie Geld und Schutz verlangen können. Die Beziehungen zwischen dem Autor und seinen Werken wird juristisch normiert. Eine frühe Form einer solchen gesellschaftlichen Stützung von Wissensweitergabe sind die 'Privilegien'. Sie können an Autoren und Drucker vergeben werden.

 

P.JPG (3690 Byte) rivilegien wie das nebenstehende, welches Albrecht Dürer: Dürers Mutter (1514) Kaiser Karl V. im Jahre 1528 Agnes, der Witwe Albrecht Dürers, erteilte, und andere erste urheberrechtliche Maßnahmen sichern die neue soziale Beziehung zwischen dem Werk und seinem Autor juristisch ab.

M.JPG (3627 Byte) ehrfach bezeichnet die Urkunde Albrecht Dürer (1471-1528): SelbstbildnisDürers Werke als seine 'erfindung'. Damit sie dem 'gemeinen Nutz' dienen können, ohne dass der Autor bzw. seine Nachkommen Schaden erleiden, greift die politische Gewalt regulierend in den Kommunikationskreislauf ein.

 

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