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07 Buchkultur - Exemplarische Anamnese und Diagnose

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Dokumentation

Tafel 6:  Vom Geheimnis zum öffentlichen, wahren Wissen:
Die Entstehung eines neuen Informationstyps

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Vor dem Aufkommen des Buchdrucks konnte nur ein sehr kleiner Teil des Wissens zu einem Besitz vieler Menschen oder gar ganzer sozialer Gemeinschaften werden. Die in den Rezeptsammlungen, Tage- und Musterbüchern, den Traktaten und 'heiligen' Schriften gespeicherten Informationen wurden innerhalb der Familie, des Handwerks und der Institutionen weitergegeben, blieben also für die Mehrheit der Bevölkerung 'Arkana'.

"Die Alten", schreibt O. Brunfels, einer der Stammväter der Botanik, "haben ihre Bücher für einen großen Schatz und in solchem Wert gehalten, dass sie von niemandem gesehen werden konnten."

           E.JPG (3592 Byte) s seint auch zuo denselbigen zeyten die kreüter buecher nit gemeyn gesein/
              auch nicht so vil kreüter bekannt/
              sonder hat ym einer dißes/
              ein ander ein anders für die handt genommen.“

                                                                                      
(Contrafayt Kreüterbuoch, 1532)

 

In der gedruckten Fachliteratur wird das Wissen von verschiedenen Personen und Berufsgruppen zunächst veröffentlicht, dann überprüft und schließlich neu geordnet. Ohne diese Datensammlung wäre die neuzeitliche beschreibende Naturwissenschaft ganz undenkbar gewesen.

 

E.JPG (3592 Byte) s verwundert nicht, dass anfangs viele die Versprachlichung und Vergesellschaftung der 'Arkana' mit Misstrauen betrachteten.

Der Tübinger Schreibmeister V. Bolz ist nicht der einzige Autor, der sich gegen den Vorwurf, Künste zu 'gemein zu machen' und damit die Handwerker um ihre Kunden und somit auch um Lohn und Brot zu bringen, zur Wehr setzen muss. Zu seiner Rechtfertigung führt er die Wachstums- und Fortschrittsargumente an, die für die neuzeitliche Gesellschaft typisch werden:
Ziel ist nicht der Erhalt, sondern die Erweiterung des Wissens. Deshalb reicht es nicht aus, wenn der einzelne sein Wissen behält, sondern er muss es 'preisgeben'. Fehler sollen die Klügeren 'reizen', es besser zu machen. In diesem Wettbewerb wächst unsere Erkenntnis.

Nur frei zugängliche, intersubjektiv wahrnehmbare und überprüfte Information gilt fortan als

                              'wahres' Wissen.

 

 

Der typographische Kreislauf schließt sich in dem Augenblick, in dem die Leser ihre Um- und Innenwelt mithilfe des Buchwissens identifizieren und interpretieren, um dann über 'abweichende' oder 'neue' Erkenntnisse wiederum in Druckwerken zu berichten.

 

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